27.02.2017

von B° RB

Die Barbie – Eine Schönheit kommt in die Jahre

Pressegespräch zum Forschungsprojekt der TH Nürnberg

Barbies

Wie kam es zu diesem Forschungsprojekt und zu dem Kontakt mit dem Spielzeugmuseum? 

Die Idee, an Kunststoffen und ihrer Konservierung zu forschen, kam von der Lehrbeauftragten der TH Nürnberg, Dr. Elena Gómez Sánchez Sie forscht am Materialkundlichem Labor des Deutschen Bergbau-Museums in Bochum als Chemikerin zum selben Thema. 

Auf der Suche nach einem Partner in Nürnberg, der Proben von älteren Kunststoffobjekten zur Verfügung stellt, kam das Spielzeugmuseum ins Gespräch. Priv. Doz. Dr. Karin Falkenberg und Urs Latus, Restaurator und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Spielzeugmuseums Nürnberg stimmten einer Kooperation mit der TH Nürnberg zu: Die Barbie als Forschungsprojekt. 

In welchem Themengebiet liegt der Fokus des Projektes?

Der Fokus liegt allgemein auf der Materialforschung. Im Mittelpunkt steht die Analyse der Zusammensetzung von Kunststoffen. Bei der Barbie: Die Bestimmung der Kunststoff-Zusammensetzung verschiedener Barbie-Typen aus unterschiedlichen Zeit-Epochen.

Kooperationspartner des Forschungsprojekts

Prof. Dr. Pesch hat zusammengearbeitet mit

• Urs Latus, Restaurator und wissenschaftlicher Mitarbeiter des Spielzeugmuseums Nürnberg 

• Dipl. Restaurator Simon Kunz, Lehrbeauftragter der TH Nürnberg, freischaffender Restaurator und Konservierungswissenschaftler für Objekte aus Kunststoffen

• Dr. Elena Gómez Sánchez, Chemikerin im Forschungsbereich Materialkunde des Deutschen Bergbau-Museums Bochum

Das Forschungsprojekt wurde von der Sparkasse Nürnberg mit 3.500 Euro gefördert. 

Wie viele Studierende haben an dem Projekt mitgearbeitet?

Sechs Bachelor- und vier Masterstudierende der TH Nürnberg im Rahmen des Wahlpflichtfaches „Alterung und Konservierung von und mit polymeren Materialien“

Welchen Mehrwert bietet das Projekt den Studierenden? Was können sie daraus lernen?

Interdisziplinäres Fachwissen und Forschungserfahrung: Sie lernen, ein Forschungsprojekt zu organisieren, das umfasst wissenschaftliche, soziale und organisatorische Aspekte. Zudem bauen sie Kontakte auf für ihr späteres berufliches Netzwerk.  

Mit welcher Hypothese startete das Forschungsprojekt?  

Zur Zusammensetzung der Kunststoffe von alten Barbies sind nur die Daten öffentlich zugänglich, die grundsätzlich für alle Barbie-Puppen gelten. Dieser Kenntnisstand reicht für die anspruchsvolle Konservierung in der Regel nicht aus. Die Voraussetzung für eine wissenschaftlich fundierte, nachhaltige Konservierung ist, die vollständige Zusammensetzung des Materials zu kennen. Das Team der Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler wollte deshalb herausfinden, welche Materialen tatsächlich in den verschiedenen Barbies aus verschiedenen Zeiten verwendet wurden.  

Aus welchen Kunststoffen sind die Barbie-Puppen zusammengesetzt? 

Die Barbies bis ca. 1985 bestehen überwiegend aus dem Kunststoff Polyvinylchlorid, kurz PVC. Die neueren Barbie-Puppen enthalten eine Vielzahl von Kunststoffen u.a. Ethylen-Vinylacetat EVA und Acrylnitril-Butadien-Styrol-Copolymere, ABS – ein Werkstoff, aus dem u.a. auch Lego-Bausteine hergestellt werden.

Welche Analyseverfahren wurden angewendet?

Für die Untersuchungen der Kunststoffe wurden verschiedene nasschemische und eine instrumentelle Methoden zur Identifizierung der Materialzusammensetzung ausgewählt, die im Labor für Organische Chemie an der TH Nürnberg zur Verfügung steht. 

Die nasschemischen Verfahren umfassen die Quellbarkeit, die Löslichkeit und das Fällungsverhalten der Polymere, das Brandverhalten nach Entzündung an einer offenen Flamme, die Beilsteinprobe und das Veraschen. Außerdem wurde versucht, die löslichen Additive durch Extraktion zu isolieren. 

Bei der instrumentellen Methode wurde vorwiegend mit der ATR-FTIR-Spektroskopie, einer Messtechnik für die Oberflächenuntersuchung von Stoffen, gearbeitet. Ein Gegenstand wird mit infraroter Strahlung bestrahlt, dabei wird die durch Absorption des Lichtes im Material abgeschwächte Intensität des reflektierten Lichtes gemessen. Das Licht wird dann in seine Bestandteile zerlegt, woraus die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dann Rückschlüsse über das Material ziehen. 

Hat sich die Materialzusammensetzung im Laufe der Jahre verändert? Wenn ja, warum?

Die Untersuchungen bestätigen für die einzelnen Teile der Barbie-Puppe mit ©1966 erhebliche Unterschiede in der Materialzusammensetzung im Vergleich zu den Barbie-Puppen mit ©2010 und später. Das zeigt sich in den Weichmachern, die in den PVC-Teilen verwendet werden. In der Barbie aus den 60er Jahren wurde noch ausschließlich der Phthalat-Weichmacher DOP verwendet. Für den Kopf der modernen Barbie kam unter anderem das umweltfreundliche Zitronensäurederivat ATBC zur Anwendung. 

Die Phthalat-Weichmacher gelten als potentiell gesundheitsschädlich und wurden in den nach 1980 produzierten Barbie-Puppen durch unkritische Stoffe ersetzt. 

An wie vielen Barbie-Puppen wurde geforscht? 

Als Testobjekt wurde eine Barbie aus mit ©1966 eingesetzt, die vom Spielzeugmuseum zur Verfügung gestellt wurde, sowie drei Barbies mit ©2010 die in 2015 erworben wurden.

Wie viele Barbie-Puppen zeigt das Spielzeugmuseum Nürnberg in seiner Ausstellung? 
Wie viele lagern noch im Depot? 

In der Dauerausstellung sind acht Barbies ausgestellt. Im Depot lagern rund 1800 Stück. 


Wie alt ist die älteste Barbie des Spielzeugmuseums?

Die älteste Barbie ist von 1962, der älteste Ken von 1961.

Wie werden die Barbie-Puppen derzeit im Museum konserviert? 

Die Puppen werden bei ca. 18° Grad mit einer relativen Luftfeuchtigkeit von 50 Prozent gelagert. Dabei werden sie in Seidenpapier eingepackt und möglichst dunkel aufbewahrt. Darüber hinausgehende Konservierungsmaßnahmen stehen aktuell noch nicht zur Verfügung. 

Was sind die wichtigsten Forschungsergebnisse? 

Die gewählten invasiven nasschemischen und nichtinvasiven instrumentellen Analyse-Methoden zur Identifizierung der Materialzusammensetzung haben sich als zielführende Forschungsansätze erwiesen. Die Analysen haben neben den bereits veröffentlichten Materialien für die historische Barbie auch noch bis 2015 nicht veröffentlichte Stoffe wie Polyethylen PE für den Körper und Polyvinylidenchlorid PVDC für die Haare nachgewiesen. Bei den modernen Barbies konnte gezeigt werden, dass sich diese in Details unterscheiden. Überraschend war vor allem folgende Erkenntnis: Laut der Literatur wurden in den ersten Jahren überwiegend Polyamide für die Haare der historischen Barbies und erst später Polyvinylidenchlorid PVDC verwendet. Die Untersuchungen zeigten jedoch, dass die Haare sowohl der historischen, als auch der modernen Barbie aus einem PVDC-Copolymer bestehen. 

Zum Hintergrund: PVC ohne Stabilisatoren zersetzt sich leicht bei erhöhter Temperatur. ABS ist anfälliger für den Einfluss von UV-Licht in Verbindung mit Luftsauerstoff. 
Die  Forschungsergebnisse bestätigen die internationalen und nationalen Empfehlungen von ICOM und dem Deutschen Museumsbund für professionelle und optimalere Lagerungs- und Ausstellungsbedingungen. In Ergänzung zum Erhalt der Barbie-Puppen lässt sich beispielsweise eine sauerstoffarme Atmosphäre und eine Beleuchtung ohne UV-Strahlungsanteile anfügen.


Das Forschungsprojekt mit der Förderung durch die Sparkasse in Höhe von 3.500 Euro ermöglicht dem Spielzeugmuseum, auch in unterfinanzierten Bereichen Forschungen durchzuführen. 

Welchen Nutzen bietet die Forschung für andere Museen oder Institutionen?

Die Forschungsergebnisse stehen auch anderen Museen, in deren Bestand sich Kunst- und Kulturobjekte aus vergleichbaren Kunststoffen befinden, zur Optimierung ihrer Konservierung zur Verfügung.  

Ist es geplant, die Forschung weiterzuführen? 

Es gibt noch viele offene Fragen, die nur teilweise mit den zur Verfügung stehenden Geräten und Techniken und den Studierenden an der TH Nürnberg beantwortet werden können. Durch die Finanzierung der Sparkasse konnte zwar schon der Zug der Konservierungswissenschaften an der Technischen Hochschule und dem Spielzeugmuseum in Nürnberg ins Rollen gebracht werden. Die nötigen weiteren Untersuchungen zur Materialevolution der Barbie oder sogar zur Erforschung und Entwicklung von neun Konservierungs- und Restaurierungstechniken für die Barbie wären aus heutiger Sicht eine sehr große Aufgabe. Diese wäre im Rahmen von verschiedenen interdisziplinären Projekten z.B. im Rahmen von Masterarbeiten und Dissertationen am effektivsten zu bearbeiten. Eine Weiterführung der Forschung wäre also durchaus wünschenswert.

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