Kaspar Hauser Nürnberg

Dieses Bild zeichnete Kaspar Hauser nach einer Vision am 15.11.1828, also nur fünf Monate nach seiner Ankunft in Nürnberg. Es ist deswegen so interessant, weil er es nicht wie die meisten anderen Bilder nach Vorlagen, sondern frei gezeichnet hat. Der junge Mann auf dem Bild hat übrigens große Ähnlichkeit mit Kaspar selbst. Standort: Markgrafen-Museum Ansbach.

Am Nachmittag des 26. Mai 1828 wurde er zum ersten Mal gesehen. Es war ein sonniger Pfingstmontag. Zwei Nürnberger Schuhmacher plauderten auf einer Straße in der Nähe des Unschlittplatzes, als der vielleicht 15 jährige Junge vorbei lief. Er sprach noch am gleichen Tag beim Rittmeister von Wessenig in der Irrerstraße vor, der mit dem wundersamen Knaben wenig anfangen konnte und ihn zur Nürnberger Polizeiwache bringen lies. Auch dort war nicht viel aus dem Kaspar heraus zu bringen, also beschloss man, ihn vorerst in eine Arrestzelle im Turm Luginsland zu sperren. So nach und nach gelang es, dem Kaspar ein paar Worte zu entlocken: als kleines Kind schon will er eingesperrt worden sein und dann bis vor wenigen Tagen mit keiner Menschenseele zu tun gehabt haben.
 
Sein Käfig sei so beschaffen gewesen, dass er sich nicht einmal aufrichten konnte, er will „keinen Strahl der Sonne, keinen Schimmer des Mondes“, ja überhaupt kein Licht gesehen haben. Bildung hat er nach eigenem Bekunden nie erhalten, seine einzige Betätigung sei das immer gleiche Spiel mit zwei Holzpferden gewesen, denen er Bänder angelegt hat.

Eine Geschichte voller Widersprüche
Wie diese Aussagen zustande kamen, wo doch Kaspar damals kaum 50 Worte gesprochen haben soll oder vielmehr was ihm so gründlich die Sprache verschlagen hat, erfahren wir allerdings nicht. Anselm von Feuerbach, Präsident des für Nürnberg zuständigen Appelationsgerichtes in Ansbach, der sich sehr für Kaspar einsetzte und ihm später auch eine Stelle als Amtsschreiber bei Gericht verschaffte, konstatierte, die Polizeiakten enthielten „so viele Widersprüche, nehmen vieles gar zu leicht, sind in einem ihrer wesentlichen Bestandteile ein so arger Anachronismus, dass sie als Geschichtsquelle nur mit großer Vorsicht benutzt werden können.“

Auch die Angaben über seinen Gesundheitszustand sind voller Widersprüche, den einen machte er sowohl in Bezug auf die Gesichtsfarbe als auch auf die körperliche und geistige Konstitution einen sehr gesunden Eindruck, auf die anderen wirkte er verstört, schwächlich und blass. Eine gerichtsärztliche Untersuchung lag bereits am 3. Juni 1828 vor und besagte, „(…) dass dieser Mensch weder verrückt noch blödsinnig sei“.

Das Kind Europas
Wir befinden uns im Zeitalter der Spätromantik – Übersinnliches und Wundersames kursierten in den Salons Europas und so verbreitete sich auch die Kunde vom "Wilden, der in einem Loch gefangen gehalten worden war" bzw. vom „Kind Europas“, wie ihn eine öffentliche Bekanntmachung des damaligen Nürnberger Bürgermeisters Binder vom 7. Juli 1828 ausweiste, rasend schnell in ganz Nürnberg und Umgebung, in Europa und sogar in Amerika.
Anselm von Feuerbach sei diese Aktion Binders gar nicht recht gewesen, so Werner Bürger (58), Stadt-Archivar und Leiter des Markgrafen-Museums in Ansbach, das die Geschichte Hausers in ihrer ganzen Zwiespältigkeit und Widersprüchlichkeit nachzeichnet. Er war der Ansicht, dass dies die Ermittlungen störe. Und in der Tat begann nach einigen Tagen ein riesiger Ansturm auf das kleine Turmzimmer. Jeder wollte den Exoten sehen, er war die Sensation schlechthin. Es kamen Angehörige aller sozialen Schichten und sie behandelten ihn wie ein Wundertier im Käfig.
Sie liebten es zum Beispiel, ihn kleinen Tests zu unterziehen und prüften sein außergewöhnliches Gedächtnis, denn Kaspar hatte die Fähigkeit sich jede Person mit Vornamen, Nachnamen und Titel sofort zu merken. Auch wusste er immer, wer ihm welches Geschenk gemacht hatte.
 
Kaspar kann zeichnen und schreiben

Besonders entzückt waren die Besucher von Kaspars Leidenschaft fürs Malen und Zeichnen. Die Bilder, die Kaspar im Turm geschaffen hatte, sind leider nicht mehr erhalten, doch Feuerbach, der ihn dort am 11. Juli besuchte, schrieb: „Eine seiner Lieblingsbeschäftigungen neben dem Schreiben war das Zeichnen. Seit mehreren Tagen hatte er es sich zur Aufgabe gemacht, das lithographierte Bildnis des Herrn Bürgermeisters Binder abzuzeichnen. (…) die ersten Versuche glichen ganz den Bildern unserer kleinen Kinder (…) allein fast in jedem der folgenden Versuche waren Fortschritte sichtbar, so dass allmählich jene Striche (...) endlich das Original (…) bis zur Kenntlichkeit darstellten.“

Überdies begann das ungebildete Kind fünf Monate nach seiner Ankunft in sehr passablem Stil seine Biografie zu schreiben, der ersten Teil der Reinfassung lag im Oktober 1829 vor und das in einer Zeit, in der die überwiegende Zahl des Volkes des Schreibens und Lesens nicht mächtig war und nur höhere Gesellschaftsschichten Zugang zu Bildung hatten. Denn um das 18. Jh. war schon die Signierfähigkeit eher die Ausnahme, die meisten setzten gerade mal ihre drei Kreuzchen unter die Urkunden - Kaspar dagegen unterschrieb schon beim ersten Verhör mit Vor- und Nachnamen, das Schreiben der Buchstaben und seines Namens will er an nur einem Tag erlernt haben.

Kaspar bleibt ein Rätsel
Die meisten seiner Bilder, so Archivar Bürger, sind Mischtechniken: „Er arbeitete mit Aquarell- und Deckfarben, mit Buntstiften und Spritztechnik.“ Kaspar – so viel steht außer Frage - muss also zumindest über einen gewissen Zeitraum kontinuierliche Förderung erhalten haben, oder wie Werner Bürger vor dem Hintergrund seiner langjährigen Forschungstätigkeit über den wundersamen Knaben konstatierte: „Wir gehen heute davon aus, dass Hauser Phasen der Sozialisation durchlebt hat.“ Vielleicht, so der Leiter des Markgrafen-Museums, sei er kurz vor seinem Eintreffen in Nürnberg eine Zeit lang eingesperrt gewesen.

Am 17.Dezember 1833, nur fünf Jahre nach seiner Ankunft in Nürnberg, wurde Kaspar Hauser in Ansbach ermordet, er war ein Kind, das, so der Archivar, „um seine Identität und um sein Leben betrogen wurde“. Auf seinem Grabstein steht geschrieben: „Hier liegt Kaspar Hauser, das Rätsel seiner Zeit, unbekannter Herkunft und dunklen Todes.“ Das scheint das Schicksal des Kaspar bis heute geblieben zu sein: Wir wissen nicht, wer er war, wir wissen kaum etwas Bestimmtes über sein Leben - er ist nicht nur seiner Zeit ein Rätsel geblieben, sondern wird uns immer neue Rätsel aufgeben.

Hier gelangen Sie zum Artikel: Historische Bluttat an Kaspar Hauser

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